Zwei Wochen allein im Val Grande


Das Val Grande hat mich schon im August 2012 begeistert, als ich dort eine Woche verbracht habe. Da das Gebiet eine Fläche von ungefähr 146 km² aufweist, konnte ich mir natürlich nicht alle Sehenswürdigkeiten ansehen. Diesmal habe ich mir den Südteil ausgesucht – mit einer verstecken Höhle als Ziel. Die Höhle liegt allerdings in der verbotenen Zone (Riserva Integrale) des Val Grande, die wegen Lebensgefahr nicht betreten werden sollte. Natürlich ist das mit der Lebensgefahr etwas übertrieben und ein erfahrener Wanderer wird auf diesem Weg keine größeren Probleme haben. Für gemütliche Wanderer ist der Weg über die Alpe Ompio zu empfehlen, welcher um einiges mehr Zeit beansprucht, aber dafür sicherer ist. Bei beiden Wegen sollte man auf keinem Fall unter Höhenangst oder an Ausdauerproblemen leiden.

Cicogna

Mein Ausgangspunkt war Cicogna [46.002775, 8.490776]. Ein kleines Dorf, das nur über eine überwiegend einspurige, ca. 9 km lange Straße erreichbar ist. Im Dorf kann man sein Auto entlang der Via Merina parken, wo es dann zusammen mit anderen deutschen Autos der Witterung ausgesetzt sein wird. Die „Straße“ ist übrigens nicht befestigt und an vereinzelten Stellen sehr holprig. Trotzdem kann man auch mit einem normalen Auto ohne Probleme bis zum Hubschrauberlandeplatz [45.997981,8.483317] vordringen, wenn man nicht zu sehr in seine Reifen verliebt ist.

Am Hubschrauberlandeplatz zeigt ein kleiner hölzerner Wegweiser den Eingang zur Route in Richtung Velina [46.006292,8.456521]. Da es tendenziell eher bergab geht, benötigt man bis zu dieser Zwischenstation mit einem normalen Wandertempo ca. 2 Stunden. Die zahlreichen alten Ruinenstädte, die am Wegesrand liegen, verbreiten eine etwas unheimliche Atmosphäre. Gerade wenn es neblig ist, findet man für jede Art von Horrorfilm eine geeignete Szenerie.



Kurz nach Velina, geht der Weg steil bergab bis zur Ponte Velina [46.001858, 8.45967]. Diese alte Brücke ist nicht nur groß genug, um ein Pferdegespann passieren zu lassen, sondern auch erstaunlich gut erhalten. Doch mehr als überqueren und fotografieren kann man die Brücke nicht.

Der alte Schluchtenweg

Kurz nach der Brücke teilen sich die Wege. Wenn man den etwas längeren, aber sichereren Weg gehen möchte, muss man dem Hauptpfad einfach weiter folgen. Wer den bereits erwähnten verbotenen Schluchtenweg gehen möchte, muss sich rechts halten bis er ein Warnschild findet.


Der Pfad befindet sich gleich dahinter und man merkt schnell, dass dieser Weg nur in grauer Vorzeit regelmäßig begangen wurde. Doch gerade dieser Umstand, die atemberaubenden Moosfelder und die noch mehr verfallenen Ruinen, lassen einen in eine märchenhafte Welt eintauchen. Nach einiger Zeit wird man zum Klettern gezwungen, was zum Glück von befestigten Ketten erleichtert wird. Doch früher oder später kommt man an die, ich habe sie einfach mal „Brücke des Todes“ genannt.


3 Meter aus 60 Jahre altem verwitterten Holz, von denen die nächsten 10 Sekunden deines Lebens abhängen, treiben den Adrenalinspiegel spürbar nach oben. Eine Möglichkeit sich abzusichern gibt es nicht, was das ganze zu einer etwas wahnwitzigen Mutprobe werden lässt. Doch mich hat sie jedes Mal getragen, ohne ein müdes Knacksen von sich zu geben.

Nach zwei weiteren strapaziösen Wanderstunden, riskanten Wasserfall-Überquerungen, umgestürzten Bäumen und spannenden Kletterstellen kommt man endlich der Alpe Orfalleccio [46.013401, 8.44181] näher. Die Alpe wurde für die erste Nacht auch mein Unterschlupf, bevor ich am nächsten Tag weiter in Richtung L’Arca wandern konnte.


Der Weg zur Höhle führt wirklich direkt an der Alpe Orfaleccio vorbei. Als ich am nächsten Tag die nächste Etappe in Angriff genommen habe, musste ich nur schnurstracks aus der Türe laufen, um auf den richtigen Pfad zu kommen. Die Strecke bis zur Höhle ist zwar nicht viel gefährlicher, aber um einiges anstrengender als Teil 1 des Schluchtenweges. Doch die erbarmungslose Natur ist leider auch die schönste!


L’Arca

Wenn man wirklich keine Kraft mehr hat, ist das Ziel nicht mehr weit und der Weg geht zum ersten Mal wieder abwärts zum Fluss. Dort muss man noch ein paar waghalsige Sprünge über die meterhohen Gesteinsbrocken hinter sich bringen, bevor der versteckte Eingang der L’Arca Höhle [46.029173,8.430975] sichtbar wird. Durch die wenigen Bilder im Internet hatte ich eine etwas falsche Vorstellung, vor allem was das Ausmaß betrifft. Die gerade mal 7 Meter tiefe Höhle ist dann doch etwas kleiner, als ich mir das vorgestellt hatte.




Nichtsdestotrotz habe ich hier 3 Nächte verbracht und bei der Gelegenheit auch wieder für Ordnung und neues Feuerholz gesorgt. Doch so wirklich gemütlich ist anders und bei einem erhöhten Wasserspiegel könnte man die Höhle nicht mehr verlassen. Deswegen bin ich am vierten Tag den Rückweg zur Alpe Orfalleccio angetreten. Das hat sich 2 Tage später als weise Entscheidung herausgestellt, als der Fluss sich aufgrund von Dauerregen in ein reißendes Monster verwandelt hat.


Doch vor einem offenen Kamin, im dem ich sogar mein eigenes Brot gebacken habe, waren die 3 Tage Dauerregen mehr als nur ertragbar. Nur vor den kleinen wuseligen Bewohnern der Alpe Orfaleccio muss man sich in Acht nehmen. Diese haben keine Angst und knabbern einem alle mitgebrachten Vorräte an, wenn man diese nicht im hauseigenem Schrank verwahrt.




Nach 7 Tagen musste ich innerhalb von einem Tag zurück zum Auto, um meine Vorräte wieder aufzufüllen. Also habe ich meinen Rucksack komplett entleert und bin früh losgewandert um vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück zu sein. In Cicogna habe ich mir dann eine leckere Käseplatte in einem kleinem Restaurant gegönnt. Der Käse ist aus eigener Herstellung und die Milch stammt von den umherlaufenden Ziegen.

Die Energie war für den Rückweg auch nötig, denn nach insgesamt 10 Stunden Wanderzeit, geht einem die Selbstdisziplin auch mal verloren. Doch ich habe es geschafft, um 20:30 war ich wieder zurück am Orfaleccio mit dem Rucksack voll Proviant.

Die restlichen Tage habe ich das umliegende Gebiet der Hütte erkundet. Vor allem der nahegelegene Fluss hatte einige wunderschöne Badestellen zu bieten. Am Ende waren 2 Wochen nicht genug und ich muss wohl wieder zur Alpe Orfaleccio wandern, um die Gegend komplett kennen zu lernen und die unbezahlbare Idylle erneut zu genießen.








Am 15.09 habe ich den Rückmarsch angetreten, was ich in diesem Fall nicht zum ersten mal gemacht habe, denn ich musste zwischenzeitlich neues Essen aus meinem Auto in Cicogna holen, um über die Runden zu kommen. Obwohl ich die Strecke nun schon kannte und wusste was auf mich zukommt, war ich heilfroh als ich die Ponte Velina aus der Ferne sehen konnte.



Mit einem letzten Blick zurück in das Tal aus dem ich gekommen bin, habe ich mich dann vom Val Grande verabschiedet.

2 Responses to Zwei Wochen allein im Val Grande

  1. Ladislav Mica Januar 25, 2015 at 3:57 pm #

    Vielen Dank für den ganz tollen Bericht, war sehr informativ für mich. Ich plane mit einem Freund die selbe Gegend im Juni zu besuchen. Gestatte mir bitte ein paar Fragen.

    Braucht es ein Kletterequipment für den Weg vom Ponte di Celina, Orfalecchio, l’Arca und In la Piana? Alles dem Fluss entlang.
    Es gibt hier Zeitangaben wie 3h, 4h oder 2 vom Orfalecchio nach L’Arca, ich denke es sind ca. 2h, entspricht das der Realität.

    Vielen Dank

    MfG

    Ladi Mica

  2. Niko Kaindl März 29, 2015 at 11:36 am #

    Hallo Mica,

    ich würde etwas mehr als 2 Stunden für den Weg von Orfaleccio bis zur L’Arca einplanen. Auch für erfahrene Wanderer. Kletterausrüstung benötigt man theoretisch nicht, da an den meisten kritischen stellen Eisenketten an der Wand hängen, an denen man sich festhalten kann. Es gibt aber von der Ponte Velina bis zur L’Arca mindestens 4 oder 5 stellen die trotz Ketten gefährlich sind und wirklich nur dann empfehlenswert sind, wenn ihr erfahren seid und solche Gefahren für euch einschätzen könnt.

    Viele Grüße

    Niko

Schreibe einen Kommentar